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„Sind wir denn wirklich schon so weit?“ fragt Rebekka Knoblich im Opener des Debütalbums von LOKOMOTOR, „wollen wir denn wirklich von hier weg?“ Da spricht das Herz dieser Band, die sich in sieben Jahren einen geheimen, gut abgeschotteten Ort geschaffen hat, an dem sie lebt und singt und spielen kann, so wie sie es will. Wenn es jetzt raus geht in die Welt, wird das Quintett aus Hof im Norden Frankens diesen Ort verteidigen. Mit Zähnen und Klauen. Mit Liebe und Stolz. Und mit einer vollständig eigenen, von nichts und niemand glattgebügelten Musik. Dieser trotzige Wille zur künstlerischen Freiheit und diese brennende Leidenschaft für einen eigenen Klang sind ein wunderbares Geschenk an die Außenwelt: willkommen, LOKOMOTOR.

 

LOKOMOTOR sind die Geschwisterpaare Daniel Lang & Rebekka Knoblich und Manuel & Johannes Hoffmann sowie Trommler Benjamin Knoblich, Ehemann von Rebekka. Allesamt seit dem Sandkasten befreundet und seit ihrer frühen Jugend gemeinsam musizierend. Die Herkunft ist wichtig – LOKOMOTOR sind keine Großstadthelden, sondern Kinder der Provinz, die sich fernab der Metropolen ihre eigene Musik ausgedacht haben. Es hat eine Weile gedauert, bis das nun erscheinende Debütalbum „Wir sind“ so war, wie die Band es wollte. Aus der Jugendfreunde-Band wurde eine Vollzeitbeschäftigung, unterwegs entstanden Familien, wurden Kinder geboren und Leben aufgegleist. Vor allem aber musste sich die Musik entwickeln, um für die Veröffentlichung bereit gemacht zu werden. Unterwegs: Förderpreise, Produzenten, Plattenfirmen, tausend Ratschläge, wie man’s machen muss, kurz: das Business mit all seinen Freuden und Tücken. „Wir wollten Leute um uns haben, die uns und unsere Musik verstehen“, erklärt Johannes, „es war extrem zeitaufwendig, nervenaufreibend und herausfordernd, sich bei all den Ratschlägen und Formeln nicht selbst zu verlieren. Wir waren gezwungen, immer wieder neu klarzukriegen, wer wir sind und was wir wollen. Es ist gut, dass wir gewartet haben, bis alles stimmt.“

 

Jetzt also Debütalbum „Wir sind“. Wir hören ein prächtiges Füllhorn mit Musik, die man vielleicht irgendwo zwischen Garbage, Silbermond und den Cranberries verorten möchte, aber auch der kantige Emo-Core von Bands wie At the Drive-In steckt LOKOMOTOR in den Knochen. Ist es Pop? Ja! Ist es Indie? Ja! Ist es Rock? Ja! Man verliert sich in der tief seufzenden und himmelhoch sehnenden Melancholie von „Hallo Leben“, lässt sich von dem eigenwillig kämpferischen „Wir sind jetzt“ mitreißen und findet in Songs wie dem betörenden „Wann fängt denn der Morgen an“ wunderschöne Melodien. Die Band sagt: Es ist native speaking ghost pop, und das ist gut gesagt, aber es ist so viel Liebe in dieser Musik, so viel Freiheit und so viel Kampf, das man ihr lieber keinen Stempel aufdrücken möchte.

 

Zusammen gehalten wird dieses so himmelhoch seufzende, ungehindert fließende, große Gefühle nicht scheuende und manchmal gegen den Strich gebürstete Repertoire von Rebekkas Stimme, die von zart bis mächtig und von gehaucht bis sich überschlagend eine enorme emotionale Bandbreite hat. Entschlossenheit, Zerbrechlichkeit, Wut, Trauer, Optimismus und Sinnlichkeit: Das Emotions-Karussell dreht sich bei LOKOMOTOR pausenlos. „Ich singe in einer sperrigen Sprache zu sperriger Musik“, sagt Rebekka über die gern mal ungewöhnlichen deutschen Texte, in denen auf „Herz“ nicht „Schmerz“ folgt, „wir mögen es, wenn sich die Dinge reiben, anstatt widerstandslos durchzugehen.“ Was gespielt und gesungen wird, entsteht im Kollektiv. „Wir sind fünf Menschen mit fünf Meinungen, die wir leidenschaftlich vertreten. Das ist anstrengend und oft schwierig, aber es ist auch die Spannung, aus der unsere Musik entsteht. Wenn eine Idee die Diskussionen übersteht, war sie die Mühe wert.“

 

Auf der Bühne erlebt man die LOKOMOTOR-Welt auf ganz wunderbare Weise. Unbändige Energie, toll eingespielte Musiker/-innen, kollektives Trommeln und selbst modifizierte Instrumente, eine große wilde Freiheit – das geht im kleinen Club genauso wie in der Arena. „Wir wollen eine Welt voller Träume und Energie schaffen,“ sagt Manuel, „wir wollen raus und sie mit anderen teilen.“ Da ist die Antwort zur eingangs erwähnten Frage von Rebekka: Ja, LOKOMOTOR sind so weit. Und sie müssen nicht weg von dem Ort, den sie lieben. Sie nehmen ihn einfach mit.

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