Marius Müller-Westernhagen

Mit „Alphatier“ legt Marius Müller-Westernhagen sein insgesamt 19. Studioalbum vor. Das in Südafrika, New York und Berlin entstandene Werk ist nicht weniger als die Quintessenz einer einmaligen Karriere.

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Marius Müller-Westernhagen

In einer langen Karriere, das gehört selbstverständlich dazu, durchläuft man verschiedene Phasen, die einen prägen – und schließlich zu dem machen, der man am Ende ist. Kaum einer weiß das besser als Marius Müller-Westernhagen: Er war der junge, aufstrebende vom Lob der Kritiker verwöhnte Charakterdarsteller und Deutschrock-Pionier, den man vor allem als Schauspieler kannte. Dann spielte er den straßenverhafteten Kumpeltyp Theo Gromberg aus dem Rhuhrgebiet, mit dem sich eine ganze Generation identifizierte. Parallel durfte Westernhagen, der mit der Albumtrilogie „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, „Sekt oder Selters“ und „Stinker“ den Zeitgeist und die Befindlichkeiten der Menschen einfing, eine erste, wahnwitzige Hochphase seiner Karriere erleben – oder wie er sagen würde: erleiden. Anschließend nahm sich unser Held eine Weile lang ein wenig zurück. Er experimentierte mit Synthesizern und neuen Einflüssen, auf Kosten des großen Erfolges, der aber ohnehin nie seine Antriebsfeder war. Die kommerziell erfolgreichste Phase lag damals indes noch vor ihm: Die Neunzigerjahre mit ihren zahlreichen Hits, den übervollen Stadien. Marius Müller-Westernhagen wurde zum Volkssänger, zum Dompteur der Massen – und schließlich zum Mann für alle, der erste deutsche Megastar.

 

Als er sich 1999 ganz bewusst von der Gigantomie der Stadionkonzerte verabschiedete und den „Rock-God“ nicht mehr spielen wollte, entsetzte das die Branche. Wieder reflektierte er das Geschehene und erfand sich neu. Gemeinsam mit seinem amerikanischen Co-Produzenten Kevin Bents veröffentlichte er in den ersten Jahren der Nullerjahre das Album „In Den Wahnsinn“, ein durch die Terroranschläge des elften Septembers inspiriertes, von der Kritik kontrovers aufgenommenes Werk. Darauf folgte mit „Nahaufnahme“ ein eher nachdenkliches, nach innen gekehrtes Werk, ehe er sich mit neuem Management komplett anders positionierte. Auf dem Album „Williamsburg“, vor allem aber auf den dazugehörigen Konzerten, besann sich Marius Müller-Westernhagen auf seine Kerntugenden. Er, der in seiner Jugend nächtelang in verschwitzten Kellern dem Blues und frühen Rock’n’Roll gehuldigt hatte, arbeitete nun mit Mitgliedern der Crème de la Crème der amerikanischen Rockmusik zusammen und wurde wieder zu jenem „Sänger in ’ner Rock’n’Roll-Band“, den er viele Jahre zuvor in einem seiner größten Hits, „Mit 18“, skizziert hatte – nur reifer, erwachsener und musikalisch originär.


Man muss sich diese reichhaltige, von Niederlagen und Siegen und viel Erfahrung geprägte Laufbahn, die zu den ganz großen Rock’n’Roll-Geschichten dieser Republik zählt, noch mal in Erinnerung rufen, um wirklich zu verstehen, worin das besondere Element von Westernhagens 19. Studioalbum „Alphatier“ liegt. Denn auf dieser Platte fließt schließlich alles zusammen, was Marius Müller-Westernhagens Arbeit als Songschreiber und Entertainer stets ausgemacht hat: Die zarte Individualität des Frühwerks, die ungehobelte Rock’n’Roll-Aufsässigkeit des Pfefferminz-Prinzen, die neugierige Experimentierfreude der späten Achtziger sowie die große Geste seiner Megastar-Phase – gepaart mit der superben Musikalität der vergangenen Jahre.

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