Marvin Brooks

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Biografien über neue Musiker kreisen in aller Regel immer um einen Punkt: Was ist der „Unique Selling Point“ dieses Künstlers, was hebt ihn aus der Masse hervor? Bei dem Deutsch-Ghanaer Marvin Brooks ist die gesamte Biografie voll von solchen USPs – und die Musik jenseits aller Schubladen, die der 29-jährige Berliner heute macht, das Ergebnis eines Lebenspfads, der aufregender nicht sein könnte.

 

1987 wird Marvin in Deutschland geboren, sein Vater ist Deutscher, seine Mutter stammt aus Ghana. Schon im Alter von zwei Jahren liebt Marvin Musik und lernt unter Anleitung des Vaters, den ersten CD-Player der Familie selbständig zu bedienen. Das Haus ist voller Musik, Marvin, der mit Zweitnamen Alexander heißt, erhält seine beiden Vornamen in Anlehnung an musikalische Idole der Familie: Marvin Gaye und Alexander O'Neill. Man sollte meinen, dass Marvin damit der Weg zur Profimusik buchstäblich in die Wiege gelegt wurde.

 

Doch zunächst kommt es anders. Seine Kindheit ist nicht einfach; sein Vater kämpft mit seinen eigenen Dämonen und einer Drogensucht, die ihn letztlich sogar das Leben kostet, als Marvin noch ein Kind ist. Marvin wird von der Mutter großgezogen, muss aber gleichzeitig seinen „Mann“ stehen auf den rauen Straßen Berlins als jemand mit seinem ethnischen Hintergrund. Zwar ist er gebürtiger Deutscher, und doch entdeckt er früh auch seine ghanaischen Wurzeln, reist so oft es geht in die Heimat seiner Mutter und vertieft das familiäre Band. Er liebt die Musik, doch seine massive Statur erlaubt auch noch einen anderen Karriereweg: den als Profisportler. Marvin beginnt mit American Football, schnell steigt er auf zu einem der großen Talente dieses Sports in Deutschland, spielt in Berlin und Hamburg.

 

Nebenbei rappt er, und als er mit seiner ersten Truppe einen Plattenvertrag ergattert, wendet er sich erstmals ganz der Musik zu. Seine erste Formation „am2pm“ landet erste Achtungserfolge und geht mit 50 Cent auf Deutschland-Tour. Damals ist Marvin noch ein Teenager, er hält seine Rapskills für sein großes künstlerisches Talent, besitzt ein gewaltig hohes Tempo und eine besondere Wortakrobatik. Einer seiner Jugendkumpels, der Fußballer Kevin-Prince Boateng, vermittelt Marvin und seinen Jungs einen Management-Deal mit einer Frau, die Marvin in der Rückschau als „Mentor und einzigartige Impulsgeberin“ beschreibt. Einige Jahre geht es so weiter, bis zwei einschneidende Ereignisse passieren: Sein Musik-Partner Addesse entschließt sich zu einer Solokarriere, außerdem stirbt die für ihn so bedeutende Managerin. „Es war eine der einschneidendsten Erfahrungen meines Lebens“, sagt er. „Ich wurde plötzlich und nach dem Tod meines Vaters zum zweiten Mal ganz auf mich selbst zurückgeworfen.“

 

Um seine Aggressionen abzubauen, beginnt Marvin mit dem Boxen. Schnell beweist sich, dass er auch für diesen Sport großes Talent mitbringt, bescheinigt von einem, der es wissen muss: Graciano „Rocky“ Rocchigiani. Jener bietet ihm an, ihn aufzubauen zu einem internationalen Box-Star, erkennt sogar die Qualität in Marvin, es bis zum Europameister zu bringen. Doch während der ersten Sparrings-Kämpfe spürt er, dass er nicht zum Boxer geboren ist: „Ich habe geboxt, um Wut zu kanalisieren, es ging mir nicht ums gewinnen. Ich spürte, dass es mir keine Freude macht, jemandem die Fresse zu polieren, um einen Kampf für mich zu entscheiden. Ich hatte die falsche Einstellung.“ Oder, präziser: Marvin Brooks ist viel zu feingeistig, um die Abgebrühtheit eines Killerinstinkts zu entwickeln. Er will seine Argumente und Überzeugungen musizierend vermitteln, nicht schlagend.

 

Erst jetzt – animiert durch Freunde, die ihm das immer wieder sagen, ihn dazu ermutigen – entdeckt Marvin Brooks das Singen wieder für sich, das er schon als kleines Kind so gern tat. „Meine Musik hat sich genau in dem Moment verändert, als ich mich dazu entschied, einfach alles zu sagen, nichts mehr zurück zu halten, was in mir ist. Seitdem ich alles, was mich in dieser Welt interessiert, mit in meine Musik nehme, hat sie einen ganz neuen Drive bekommen. Und seitdem habe ich auch den Mut, zu singen und sehr gefühlvolle Songs zu schreiben.“

 

Zusammen mit seinem Produzenten George Brenner hat er sich über einen Zeitraum von zwei Jahren immer wieder im Studio verkrochen „und einfach gemacht, was kam – ohne dabei viel nachzudenken. Der Gedanke war: Lass uns einfach Musik machen. Dadurch ist alles freier geworden.“ Was man nun hört – aktuell auf der im vergangenen Sommer erschienenen EP „Unity“, ab Ende August dann auch auf seinem ersten Album „The Strongest Survive“ - ist ein einzigartiger Mix aus Soul, Pop, R'n'B, afrikanischen und karibischen Elementen, aus Wärme und Coolness, Nonchalance und Dringlichkeit. Es sind Songs, die von einem Leben und seinen Irrungen und Wirrungen erzählen, wie es nur die wenigsten kennen, verpackt in berührende Melodien und meinungsstarke Lyrics, die ebenso politisch wie persönlich sind.

 

Kaum beginnt er, seine neue Musik mit der Öffentlichkeit zu teilen, ist das Interesse enorm. Zahlreiche Stars entdecken sein besonderes Talent und ermöglichen ihm große Support-Shows, darunter J Cole, Ryan Leslie, Ellie Goulding und Macy Gray. 2015 tritt er zudem in Hongkong und Monaco auf, dort zusammen mit Wyclef Jean. Im vergangenen Jahr produziert er ein Street-Video seiner Single „Unity“, das anschließend zu einem viralen Hit wird und bislang mehr als 12 Millionen Mal angesehen wurde – was die EP zur Single in die iTunes-Charts zahlreicher Länder katapultiert. Der Boden für sein nun im August erscheinendes Debüt-Album ist damit bereitet. Nur selten dürfte man einen Newcomer gehört haben, der mit einer solchen Reife und Souveränität bereits genau das gefunden hat, was ihn ausmacht und hervor hebt. Der „Unique Selling Point“ des Marvin Brooks ist also: Marvin Brooks. Und dies hört man in jeder gesungenen Zeile.

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